Kurzgeschichte: Wintereinbruch – Geburt eines Protagonisten

Im Rahmen des kreativen Schreibens beim ›Queer-Literarischen Adventskalender‹, ist nachfolgende Kurzgeschichte am 10. Dezember 2017 von mir veröffentlicht worden. Es ging vorrangig darum, in einem bereits vorgegebenen Rahmen einen neuen Protagonisten zu kreieren.



Vorgabe: Um unsere Geschichten erzählen zu können, brauchen wir Protagonisten, die sie leben. Im Gegensatz zur Realität, in der wir uns die Menschen nicht machen können, wie wir sie gerne hätten, haben wir als Autoren dabei freie Hand. Zumindest zunächst. Wir basteln uns Charaktere und geben ihnen ein bestimmtes Aussehen. Aber wer von Euch schon Geschichten geschrieben hat, weiß, dass Protagonisten früher oder später ein Eigenleben entwickeln und manchmal einfach machen, was sie wollen. 

Stellt Euch vor, am Abend des zweiten Advents bleibt in einer abgeschiedenen Gegend ein Regionalzug auf offener Strecke liegen. Ein plötzlicher, überraschender Wintereinbruch ist schuld. Schnell wird klar, dass mit Hilfe erst am nächsten Morgen zu rechnen ist. Somit steht den Passagieren eine Übernachtung im Zugabteil bevor.
Wir haben eine bunte, aufregende Mischung an Protagonisten zusammengestellt. 
Was diese Truppe in dieser Nacht im Zug erlebt? Wer wie zusammenfindet? Was dieses unerwartete Ereignis für den einzelnen bedeuten und für Folgen haben könnte? Nun, das bleibt Eurer Fantasie überlassen.

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Der Gestank war wirklich unerträglich. Schon nachdem er die Tür hinter sich zugeschlagen hatte, war Sawyer umgehend zu einem flachen Atemrhythmus übergegangen, aber da er vollkommen aus der Puste gewesen war, hatte seine Lunge recht schnell dagegen rebelliert. Deswegen erlaubte er sich hin und wieder ein paar tiefe Atemzüge aus seinem Ärmel, in dem er sich einfach den Stoff seiner Jacke gegen die Nase presste. Viel besser war das auch nicht, aber wenigstens vertrieb dies den Geruch von Pisse und Anderem, nicht definierbarem, und er wusste hier im Gegenzug auch genau, was er da einatmete.
Verfluchte Scheiße.
Gereizt griff Sawyer in die Innentasche seines Jacketts, holte einen Flachmann hervor und öffnete den Verschluss. Gierig stürzte er die goldbraune Flüssigkeit hinunter. Der Alkohol tat gut. Immerhin war auf ihn Verlass. Wohlig brannte er in seiner trockenen Kehle und ihm kam der Gedanke, dass er ihn schon viel früher hätte öffnen sollen – auch wenn er eigentlich beabsichtigt hatte, einen klaren Kopf zu bewahren.
Der Zug ruckelte nun schon seit anderthalb Stunden durch die dunkle englische Provinz. Immer wieder unterbrochen durch Zwischenstopps, die er in den kleineren Orten nach Fahrplan eingehen musste. Sawyer nahm ein paar weitere Schlucke und blinzelte gegen das flackernde Neonlicht an, das der Kabine einen bläulichen Schein verlieh. Ihm entwich ein spöttisches Grunzen. Wer auf die Idee gekommen war, dass diese Farbabweichung dem Raum schmeicheln würde, wusste offenbar nicht, dass an dem Anblick von menschlichen Exkrementen, die auf der Klobrille und in einem hübschen Sprenkelmuster an den Wänden klebten, einfach nichts zu beschönigen war. Denn natürlich half auch das nichts. Das Wasser auf dem Grund der metallenen Kloschüssel war trotzdem dunkel. Die wiederholte Betätigung der Spülung hatte den gewünschten Erfolg nicht erreicht. Es stank einfach zum Himmel. Eine angewiderte Grimasse ziehend, wandte er den Blick zum Fenster und betrachtete sein fahles Spiegelbild in der Glasscheibe. Kein Zweifel, er sah ziemlich schlimm aus. Seine dunklen, ansonsten so gepflegten Haare fielen ihm strähnig in die Stirn und die schwarze Krawatte hatte er schon vor Stunden gelockert; so genervt und gewaltsam, dass sein Hemd einige seiner Knöpfe hatte einbüßen müssen. Vorsichtig betastete er seinen rechten Wangenknochen und bemerkte erleichtert, dass die Schramme endlich aufgehört hatte zu bluten.
Er schüttelte den Kopf. Das ganze Vorhaben war totaler Schwachsinn gewesen. Was er befürchtet hatte, war eingetroffen, doch konnte er einem von den anderen wirklich einen Vorwurf machen? Er hätte sich ja fernhalten können. Aber er hatte es nicht getan.
Den Flachmann in der einen Hand, zog er missmutig mit der anderen sein I-Phone aus der Tasche – bemüht in dem schwankenden Raum das Gleichgewicht zu halten. Der Akkustatus war wie erwartet niedrig. Zu niedrig. Wie um Himmels Willen sollte er gewährleisten, dass er die SMS noch erhielt? Er biss sich auf die Lippe. Er musste die Nachricht um jeden Preis erhalten, sonst war alles umsonst gewesen. Nicht mehr lange und er würde London erreicht haben und diesem ekelhaften Abort endlich entfliehen können. Heiße Wut erfüllte ihn und seine Augen verdüsterten sich. Er würde diesem Arschloch Georgie gehörig die Leviten lesen, wenn er ihn in die Finger kam. Einfach abzuhauen. Wenn der nicht so feige gewesen wäre, wäre er jetzt nicht in dieser fast ausweglosen Situation.

Sawyer war so sehr in seine rachsüchtigen Pläne vertieft, dass er erst nach einer Weile merkte, dass sich der Zug merklich verlangsamt hatte. Mit einem Ruck kam dieser schließlich zum Stehen und das bläuliche Licht wurde umgehend eine Nuance dunkler. »Was zur Hölle«, raunte er und schenkte der Neonröhre einen skeptischen Blick, ehe er erneut zum Fenster sah. Draußen war es nach wie vor stockdunkel. Sie hatten demnach nicht an einer Haltestelle gehalten. Irritiert stellte er den Flachmann auf den Waschbeckenrand und machte sich daran, das Fenster zu öffnen, um einen Blick nach draußen zu werfen. Doch natürlich reagierte die Verriegelung zunächst kein Stück auf seine Bemühungen. Er fluchte leise, als er sich mit aller Kraft an den Rahmen hing, um die Scheibe nach unten zu drücken. An sich war dies nicht weiter schwierig, denn sein Körper war gut in Form, aber als die Scheibe endlich nachgab und nach unten sauste, war er zu langsam und klemmte sich den Daumen ein. »Scheiße«, zischte er und schob sich reflexartig den Finger in den Mund. Kalte Luft strömte herein und winzige Schneeflocken ließen sich lautlos auf seinen Haaren nieder.

Der Zug hatte inmitten der stockfinsteren Einöde gehalten. Nachdenklich zog Sawyer den Kopf wieder ein und verharrte für einen Augenblick. Dann schob er den Jackenärmel zurück und sah auf die Uhr. Noch zwei Stunden bis Mitternacht. Er schnaufte. Zeitgleich klackte es hinter ihm. Alarmiert fuhr er zur Tür herum. »Besetzt!«, bellte er und wartete angespannt, ob sich der ungebetene Eindringling davon beeindruckt zeigte und von seinem Vorhaben abließ. Tatsächlich hörte er nichts mehr. Tief atmete er aus, langte nach dem Flachmann und nahm einen tiefen Schluck. Was für eine Nacht. Er musste wissen, warum der Zug angehalten hatte. Er musste mehr in Erfahrung bringen. Würde es nur ein kurzer Aufenthalt sein? Oder würden sie sogar hier festsitzen?
Oh bitte nicht.
Er trat an die Tür und legte die Hand auf das Schloss. Ganz langsam drehte er es um und trat zögernd einen Schritt auf den Gang. Durch die Glastür, die seinen Waggon vom nächsten trennte, beobachtete er einige Fahrgäste im nebenan liegenden Abteil, die in ein Gespräch mit dem Schaffner vertieft waren. Ihren besorgten Mienen nach zu urteilen, schienen sie in ernsten Schwierigkeiten zu stecken. Sawyer verzog das Gesicht und zupfte zum zweiten Mal das Handy hervor. Noch 12 Prozent. »Fuck«, stieß er hervor, im nächsten Moment raste ein Schatten auf ihn zu und er wurde grob in die WC-Kabine zurück gestoßen. Er verlor das Gleichgewicht und landete direkt auf dem verdreckten Toilettensitz, die Hände auf den Rand gepresst. Blitzartig sprang er auf und gab ein angeekeltes Geräusch von sich. Der Kerl, der ihn gestoßen hatte, beachtete ihn nicht. Eilig verriegelte er das Schloss und lehnte sich dann mit dem Rücken gegen das Türblatt. Er war jung. Verdammt jung.
Sawyer stürzte erbost auf ihn zu und packte ihn am Kragen. »Bist du bescheuert?«, giftete er ihn an.
»Grün«, murmelte der andere. »Ich mag grüne Augen.«
Auf Sawyers Stirn bildete sich eine steile Falte. »Was hast du denn genommen?«
Der Junge lächelte gequält. »Sorry, aber der Schaffner.«
»Ja und?«
»Ich hab kein Ticket und ich muss nach London.«
»Ach«, fauchte Sawyer gehässig. »Nun dieses edle Abteil ist bereits besetzt, also verpiss dich.«
»Das geht nicht. Wir werden die ganze Nacht hier festsitzen. Hilfe wird erst morgen früh erwartet.«
»So eine Scheiße«, entfuhr es Sawyer. In dieser Nacht würde er London also nicht mehr erreichen und die SMS … Verdammt, die SMS. Wieder beförderte er sein Handy ans Licht. Acht Prozent und der Nachrichteneingang war leer. Er jaulte leise auf und ließ das Handy zurück in seine Anzugjacke gleiten. Gleich darauf fiel ihm wieder ein, dass er nicht alleine war. »Was machst du noch hier? Hatte ich nicht gesagt, dass du verschwinden sollst?«
Der Eindringling regte sich nicht. Stumm sahen sie einander an. Sawyer begann ihn zu mustern und blieb an einem kleinen LGBT-Button hängen. Unwillkürlich stahl sich ein leises Lächeln auf seine Lippen.
Hey, er spielt in meiner Liga.
Wäre die Situation nicht so prekär, würde ihm der Kleine sogar gefallen. Er entsprach schon ziemlich seinem üblichen Beuteschema. Sawyer hob den Blick und fühlte sich umgehend ertappt.
Trotzig sah der Junge ihn an. »Was dagegen?«, entgegnete dieser plötzlich überaus hitzig und machte keinen Hehl daraus, dass er damit sein unfreiwilliges Outing meinte.
Sawyer schüttelte den Kopf. »Nein, überhaupt nicht.«
Sein Gegenüber legt den Kopf in den Nacken und taxierte ihn grübelnd. »Ich heiße Cole«, sagte er schließlich.
»Tag Cole.«
»Und du bist?«
»Tut nichts zur Sache.«
Cole nickte. »Okay, Mister ›Tut nichts zur Sache‹. 80 Pfund und du bekommst einen erstklassigen Blowjob.«
Überrascht runzelte Sawyer die Stirn. »Wie bitte?«
»Ich kann auch DT.«
»Ist mir egal, was du kannst. Sehe ich so aus, als würde ich mir freiwillig das reizvolle Bukett von Pisse und Scheiße durch die Nase ziehen, wenn ich die Kohle für ein Ticket hätte?«
Cole verzog das Gesicht.
»Dir wird nichts passieren, die sind da draußen mit ganz anderen Dingen beschäftigt, als jetzt zu überprüfen, wer ein Ticket hat und wer nicht.«
»Und warum gehst du dann nicht raus?«, schnappte Cole.
Sawyer atmete tief durch. Ein Fehler. Umgehend kroch die Übelkeit in ihm hoch.
Dieser verdammte Gestank.
Er würgte und schluckte hart, dann fuhr er sich über die verschwitzte Stirn. »Weil ich dieses Abteil von Beginn an gebucht habe und es auffallen würde, wenn sich da draußen mit einem Mal ein vollkommen neues Gesicht zeigt«, presste er mühsam um Beherrschung ringend hervor.
»Und jetzt verschwinde, sonst überlege ich mir das mit dem Blowjob doch noch einmal.«
Coles Miene hellte sich auf.
»Ohne Bezahlung versteht sich«, ergänzte Sawyer brummend.
Es piepte.
Endlich, die Nachricht.
Hastig nestelte Sawyer wieder an seiner Innentasche. Doch kaum hatte er das Handy hervorgeholt, entglitt es ihm aus seinen feuchten Fingern und fiel mit einem dumpfen, klatschenden Geräusch in die braune wässrige Brühe des WCs.
»Fuck!«, keuchte Sawyer. »Fuck!« Aber das schwarze I-Phone war bereits in den Tiefen des Abwasserrohres verschwunden.



© Jayden V. Reeves | Ein bisschen Spielerei ohne wirklichen Titel | selbstverständlich nicht lektoriert ^^

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