Kurzgeschichte: Auf dem Weihnachtsmarkt

Im Rahmen des kreativen Schreibens beim ›Queer-Literarischen Adventskalender 2017‹, ist u.a. nachfolgende Kurzgeschichte von mir veröffentlicht worden. Sie bewegt sich in dem für mich gänzlich unbekanntem Genre, der Gay Romance. Zugegeben, es war ein netter Spaß. ^^



Vorgabe: Erster Advent. Was liegt näher, als ein erster Besuch auf dem Weihnachtsmarkt?

Noch ist George Michaels ‚Last Christmas‘ in der Endlosschleife einigermaßen erträglich und der Duft von gebrannten Mandeln versetzt uns in eine festliche Stimmung.
Ivan und Alexander sind frisch verliebt. Vor einer nostalgischen Bude genießen sie an einem Stehtisch ihren ersten Glühwein des Jahres. Es ist kalt, sie wärmen sich die Hände an den Tassen, während sie sich verliebt in die Augen schauen.
„Ist hier noch ein Plätzchen frei?“
Die Frage holt sie in die Realität zurück. Als sie aufblicken, erkennen sie ihn beide. Es ist der langjährige Exfreund von Alexander.

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Ich grinse über das ganze Gesicht, doch sie starren mich vollkommen paralysiert an. Tatsächlich kann ich es ihnen noch nicht einmal wirklich verübeln. Ich stecke bis zum Hals in einem braunen Kostüm aus zotteligem Kunstfell und unter dem Arm halte ich den Kopf eines sehr berühmten Weihnachtselches.
Das ist sicher ungewohnt, schießt es mir durch den Kopf.
»Das ist nicht dein Ernst, oder? Rudolph?!« Alex zieht betont kritisch die Augenbrauen hoch. Wie immer sieht er teuflisch gut aus. Mit seinen hellblonden Haaren, die wirr unter seiner Cap hervorschauen und den dunklen grünbraunen Augen, die mich nun skeptisch mustern. Seine neue Errungenschaft prustet los. Zumindest er scheint Spaß an meinem Aussehen zu haben (was ja auch beabsichtigt ist) und verdammt hübsch ist er auch noch.
Ich muss ehrlich zugeben, ich mochte den Kerl gleich, auch wenn er mir vor drei Wochen den Mann ausgespannt hat. Okay, nicht wirklich ausgespannt. Zusammen sind wir ja schon seit geraumer Zeit nicht mehr, aber bislang hatten sich die Gefühle füreinander eigentlich von beiden Seiten nie wirklich verändert. Vielleicht versuche ich gerade deswegen den bittersüßen Stich der Eifersucht zu ignorieren, weil ich ihn noch so liebe und ich mich ehrlich für ihn freue, dass er da so eine Zuckerschnitte abgegriffen hat, auch wenn die Chance auf ein Wiederaufleben ›unserer‹ Beziehung dafür endgültig auf der Strecke zu bleiben scheint.
Aber hey, ich bin heute Abend Rudolph, das lustige, rotnasige Rentier, oder? Ich werde mir den Arsch aufreißen, um meine Rolle gut zu spielen, denn mich selbst bedauern und Rotz und Wasser heulen, dass es tatsächlich vorbei ist, kann ich zuhause immer noch.
»Was denn?«, frage ich und zucke mit den Achseln. »Die Kostüme der Weihnachtselfen waren diesmal alle schon weg.«
Alex rollt mit den Augen und wendet sich wieder seinem Glühwein zu. Ungefragt drängele ich mich zu den beiden an den Tisch. »Hey, ich bin Kay«, stelle ich mich vor und reiche Alex‘ hübscher Begleitung die Hand.
»Ivan«, antwortet der und lächelt süß.
Ich schmelze dahin. Himmel, der ist echt nicht ohne. »Endlich lernen wir uns mal näher kennen. Wie geht’s denn so?« Meine Frage ist eher rhetorisch und als belangloser Smalltalk gemeint, eigentlich nur damit ich seine schöne Stimme noch ein wenig länger hören kann, aber er legt zu meiner Überraschung gleich mit einem Roman los. Erzählt mir von seiner Nachbarin, die im Urlaub ist und dessen Katze er pflegen muss, solange die nicht da ist und dass er heute noch zwei Stunden Zugfahrt vor sich hat, nur um diese Katze zu füttern, denn er muss ja hin und auch wieder zurück … weil Alex ja hier wohnt und nicht dort … und sie den Abend ja gemeinsam verbringen wollen. Er redet bestimmt zehn Minuten ununterbrochen und irgendwann kann ich nicht anders; irritiert suche ich Alex‘ Blick, der ihn grinsend auffängt. 
»Frage niemals einen Russen, wie es ihm geht. Die antworten nicht so wie wir«, erklärt er und nippt immer noch schmunzelnd an seinem Becher. Ivan knufft ihn liebevoll in die Seite und die beiden geben sich einen kurzen, aber sehr innigen Kuss. Ich beiße mir auf die Lippe. Da wäre ich gerne dazwischen gegangen. Und zwar nicht, um sie auseinanderzutreiben, nein, um mit dabei zu sein.
Alex taxiert mich verschmitzt, kennt er doch meine Vorlieben. Und ich kenne seine. Wie lange haben wir nach einem dritten geeigneten Partner gesucht? Ewig. So lange, bis wir uns nur noch gestritten haben.
Wir sehen uns einen Moment lang an, dann schaue ich verlegen weg. Ich sollte diese Gedanken nicht haben. Ich würde nie ein gleichwertiger Teil dieser Beziehung sein, geschweige denn, dass ich überhaupt jemals ein Teil von ihr sein würde. Während ich mir den Kopf zerbreche, ob ich mich nicht lieber geschlagen geben und mich aus dem Staub machen soll, tauschen die beiden einen langen Blick aus.
Okay, das ist eindeutig.
Ich störe. Blinzelnd stülpe ich mir meinen Elchkopf wieder über.
Besser du verschwindest, Kay.
»Du willst schon gehen?«
Irre ich mich oder klingt Ivan enttäuscht? Durch den dunklen Stoff, der sich nun vor meinen Augen befindet, schiele ich zu Alex, der Dank der Maskierung nichts von meiner Verwirrung bemerkt.
Trotzdem sieht er mich an und in seinen Augen funkelt es amüsiert. »Wann muss der kleine Rudolph denn zurück in den Weihnachtsstall?«, fragt er mich und lächelt dieses Lächeln, bei dem mir immer so wahnsinnig heiß wird. Wenn ich könnte, würde ich mir jetzt mal eben zwischen die Beine greifen, denn da wird es gerade verflucht eng, aber das kann ich nicht bringen. Mit dem Elchkopf auf den Schultern, habe ich auch gleich wieder die Aufmerksamkeit der Kinder auf mir und da kann ich mir wohl schlecht am Schwanz rum fummeln. Ich bete nur, dass der Stoff dick genug ist. Sonst muss ich notgedrungen auf allen Vieren die Szenerie verlassen und die Kids kommen womöglich noch auf die Idee auf mir reiten zu wollen. Abschreckende Vorstellung. Und an Peinlichkeit nicht mehr zu toppen.
»Ich habe noch zwei Stunden«, höre ich mich sagen. Nervös halte ich mir jetzt die metallene Spendendose vor den Unterleib. Ohne es zu merken, presse ich sie an mich, der enge Kontakt tut gut. Wenn ich schon nicht mit der Hand ran darf. Bedauerlicherweise kann ich ihre Kälte durch den dicken Stoff nicht spüren; die hätte meine Erektion bestimmt zunichte gemacht. Es weiß ja keiner, dass ich unter diesem Fummel nur meine Unterwäsche trage.
»Na, das passt doch, Ivan und ich müssen jetzt zum Zug. Weißt schon … wegen der Katze.« Alex nimmt Ivans Hand und drückt sie sanft. »Aber in zwei Stunden wären wir wieder hier.«
»Leuchtet die eigentlich wirklich im Dunkeln?« fällt Ivan dazwischen.
Die Katze?!
»Äh was?« Irritiert drehe ich meinen Kopf zu ihm hin und der lächelt mich warm an. Und zwar wirklich warm. Wieder schießt mir die Hitze in die Lenden und ich verspanne mich kaum merklich. Der Kleine macht mich echt an. Wenn ich könnte, würde ich jetzt … Hastig versuche ich den erregenden Gedanken aus meinem Kopf zu prügeln. Ivan gehört nicht zu mir. Aber so wie Alex mich mit einem Mal die ganze Zeit anschaut … Also so werde ich die verräterische Beule zwischen meinen Beinen nicht mehr los. Das steht fest.
»Na, die Nase …« Ivan hebt die Hand und streichelt meinem Elchgesicht über den roten Ball, der mitten im Gesicht festgenäht ist. »Was dagegen, wenn Alex und ich uns das etwas näher anschauen, wenn wir wieder hier sind?«
Ich zucke unwillkürlich zurück, obwohl es nicht meine echte Nase ist, die er da so zärtlich berührt hat.
Hä?
Ich unterdrücke die Versuchung, mich mit der behandschuhten Hand an der Stirn zu kratzen. Sähe bestimmt dämlich aus … so als Elch. Und nützen würde mir das auch nichts.
»Vielleicht auch ein wenig länger … als heute Abend?«, fügt Alex hinzu und sein Blick wird plötzlich tiefgründig.
Spätestens jetzt ahne ich, was hier eigentlich passiert und ein breites Lächeln stiehlt sich auf mein schweißgebadetes Gesicht, während eine kaum zu greifende Vorfreude von mir Besitz ergreift. Wir drei … mein Alex, ich und dieses hübsche Dingen. Ich kann es nicht glauben. Die Spendendose scheppert laut, als ich vor Aufregung für einen kurzen Moment nervöse Zuckungen bekomme.
»Ja, klar … gern«, stammele ich und registriere erfreut wie mich beide anstrahlen. Alex wissend und Ivan genauso kribbelig, wie ich es bin.
»Dann bis später, gleiche Stelle«, raunt Alex und zwinkert mir zu. »Rudolph.«
Ich kann mir das Grinsen nicht mehr verkneifen, als ich mich von den beiden abwende und ziemlich leichten Schrittes meine Tour über den Weihnachtsmarkt fortsetze. Die Büchse klimpert fröhlich in meiner Hand und stimmt in mein geistiges Hohelied mit ein. Nach dem heutigen Abend wird alles anders sein. Und vielleicht wird es so sein, wie ich es mir mit Alex in all den Jahren unserer Beziehung immer ausgemalt habe. Es ist der Beginn einer neuen Chance. Und die wird Alex, Ivan UND Kay heißen.


© Jayden V. Reeves | Auf dem Weihnachtsmarkt | Ausflug in die Gay-Romance | selbstverständlich nicht lektoriert

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