Leseprobe I | Der steinerne Garten Bd. 1


Jugendschutzhinweis: In diesem Buch werden fiktive erotische Phantasien geschildert. Im realen Leben dürfen Erotik und sexuelle Handlungen jeder Art ausschließlich zwischen gleichberechtigten Partnern im gegenseitigen Einvernehmen stattfinden. Der Inhalt dieses Buches ist für Personen unter 16 Jahren nicht geeignet.


In der folgenden Nacht schlief Riley schlecht. Er schob es auf die ungewohnte Umgebung und dass er sich einfach nicht wohl fühlte. Das Zimmer, welches Nathanyel ihm überlassen hatte, war in Ordnung. Es war sauber und mit dem Notwendigsten eingerichtet und zu Rileys Erleichterung handelte es sich bei dem vorhandenen Bett um ein Doppelbett. Er mochte sich nicht ausmalen, wie er mit Maesie in einem Einzelbett hätte schlafen sollen, wenn sie ihn mal besuchen kam; obwohl der Platzmangel sicherlich auch seinen Reiz gehabt hätte.
Viel früher, als er es gewohnt war, begab er sich unter die Dusche und versuchte unter dem heißen Wasser die Müdigkeit aus den Gliedern zu spülen. Seine Schulter hatte sich über Nacht bereits gut erholt. Als er aus dem Bad herauskam lauschte er, ob Nathanyel vielleicht schon wach war. Doch durch die Tür, welche seiner schräg gegenüber lag, war kein Laut zu vernehmen. Riley ging in sein Zimmer zurück und zog sich an. Dann lief er nach unten, um sich einen Kaffee aufzubrühen, bremste aber auf der letzten Treppenstufe ab, als urplötzlich die Schelle erklang.
Gott, es ist zwanzig nach sechs! Wer zur Hölle schellt um diese Uhrzeit?
Verwundert öffnete er die Haustür. Draußen stand ein Junge mit verpickelten Gesicht und blonden Haaren, welche zerzaust unter einer Cap hervorlugten. Er war vielleicht 18 Jahre alt und hielt zwei braune Einkaufstüten in den Armen.
»Mister Pritchard? Ich bringe Ihre Bestellung«, sagte er. Er wirkte nervös. »Ich weiß, Sie haben viertel nach sechs gesagt und ich bin fünf Minuten zu spät. Es tut mir leid.«
Riley blinzelte und registrierte, dass auf seiner Cap in geschwungener Schrift ›Claytons Supermarket‹ geschrieben stand. Bedeutete dies etwa, dass Nathanyel sich seinen Einkauf nach Hause liefern ließ?
Er trägt eine Breitling von einem Wert von annähernd 4.000 Pfund und lässt sich mal eben von London nach Brighton kutschieren. Schon vergessen, Buchanan?
»Ich bin nicht Mister Pritchard.«
»Oh.«
»Kein Problem.« Riley trat beiseite. »Es ist das richtige Haus, komm rein.«
Der Junge griff die Tüten fester und quetschte sich an ihm vorbei in den schmalen, verwinkelten Flur.
»Immer durch zur Küche«, ermunterte Riley ihn. Er schloss die Haustür und warf einen prüfenden Blick die Treppe hinauf. Oben war alles still. Stirnrunzelnd folgte er dem Jungen. Er hoffte, dass der Einkauf bereits bezahlt war, sonst würde er Nathanyel notgedrungen wecken müssen. Was zugegebenermaßen kein sehr angenehmer Gedanke war.
Er sah zu, wie der Junge die Packpapiertaschen auf dem Küchentisch abstellte und dann einen Zettel aus der Innentasche seiner Baseballjacke zog. Ein kleiner Namensanstecker auf seiner Brust verriet, dass er auf den Namen Melvin hörte und offenbar aktuell den Praktikantenstatus bei Claytons inne hatte.
»Mister Clayton hat mich angewiesen, streng nach dieser Liste vorzugehen. Ich hoffe, ich habe alles richtig gemacht«, sagte er und rückte unwohl seine Cap zurecht.
»Darf ich mal sehen?«, fragte Riley und streckte die Hand nach dem Zettel aus. Es war eine E-Mail an ›Claytons Supermarket‹.

Brighton, Donnerstag, 27. Dez. 2012, 05:08 pm

Mister Clayton, anbei ordere ich folgende Bestellung und hoffe auf Ihr Bemühen, meinen Forderungen wie stets nachzukommen. Ich erwarte die Lieferung morgen (Freitag, 28.12.2012), pünktlich um 06:15 am. Schicken Sie Gordon.
N.L. Pritchard

– 6 Tetra-Pak Sojamilch, fettreduziert, 0,5 ml – Haltbarkeitsdatum darf nicht vor 1 Monat ablaufen! Achten Sie darauf, dass die seitlichen Laschen der Tüten anliegen! Mit Rot zu markieren.
– 20 Soja-Joghurt à 5x Aprikose, 5x Kirsche, 5x Zitrone, 5x neutral, fettreduziert – Haltbarkeitsdatum darf nicht vor 1 Monat ablaufen! Achten Sie auf unbeschädigte Becher. Keine Druckstellen! Mit Rot zu markieren.
– 2 pflanzliche Margarine – achten Sie darauf, dass diese keine Mono- und Diglyceride von tierischen Speisefettsäuren enthalten – Haltbarkeitsdatum darf nicht vor 2 Monaten ablaufen! Mit Gelb zu markieren.

Riley lachte belustigt auf. Er hatte genug gelesen. »Wird schon stimmen«, versuchte er den sichtlich aufgeregten Jungen zu beruhigen.
In diesem Moment wurde die Küchentür, welche zum Garten führte, aufgestoßen und zusammen mit einem eisigen Windhauch kam zu Rileys außerordentlicher Überraschung Nathanyel herein. Er trug eine dunkle Sporthose und eine hellgraue Sweatshirt-Jacke. Es war offensichtlich, dass er laufen gewesen war.
Nathanyel schloss die Tür hinter sich und schlüpfte aus seinen Turnschuhen. »Ah, die Bestellung«, sagte er dunkel, als er Melvin erblickte. »Wo ist Gordon?«
»Er ist krank, Mister Pritchard. Ich habe seine Schicht übernommen«, sagte Melvin mit dünner Stimme.
Nathanyel ließ ein ungehaltenes Geräusch vernehmen. »Nein, nein … so geht das nicht.« Er rieb sich mit den Handballen über die Augen und griff mit der anderen Hand an die Küchenanrichte, als ob er mit einem Mal Schwierigkeiten mit dem Gleichgewicht hatte. Dabei hielt er die Kante so fest, dass seine Fingerknöchel weiß hervortraten. Als er den Kopf wieder hob, sah Riley es in seinem Gesicht merkwürdig zucken. »Sagen Sie Mister Clayton, dass er es mit mir absprechen muss, wenn er jemand anderen schickt«, presste er hervor. »Sagen Sie ihm das!«
Melvin nickte hastig. »Das werde ich, Mister Pritchard. Sie können sich auf mich verlassen.«
Nathanyel schnaufte und ließ die Kante los. Die Zuckungen verschwanden wieder. Dann stutzte er. »Sie tragen Schuhe.«
Melvin runzelte die Stirn. »Ja, Sir.«
»Ziehen Sie sie aus.«
»Ja, Sir. Tut mir leid.« Umgehend kniete sich Melvin hin und schnürte rasch seine Schuhe auf.
»So. Und sagen Sie …« Nathanyel warf einen flüchtigen Blick auf Melvins Namensschild. »Melvin … sind Sie pünktlich gewesen?« Seine Stimme klang lauernd.
Melvin warf Riley einen nervösen Blick zu.
»Er war um viertel nach sechs hier. Ist das pünktlich genug?«, warf Riley ein und Melvin senkte betreten den Blick.
Nathanyel legte den Kopf schief und musterte Riley durchdringend.
Mann, diese Augen. Es ist, als ob er mich abtastet, um herauszufinden ob ich lüge.
Doch Nathanyel durchschaute ihn nicht. Er ergriff ein Blatt Papier vom Kühlschrank und reichte es Melvin. »Räumen Sie die Lebensmittel ein. Richten Sie sich dabei nach dieser Liste. Und zwar exakt so, wie es da steht.«
Melvin nickte und Riley blinzelte irritiert. Er beobachtete, wie Melvin eingehend das Blatt studierte und den Kühlschrank sehr gewissenhaft einräumte. Dabei wirkte der Junge überhaupt nicht überrascht, als habe er diese Anweisung bereits erwartet.
Joghurtbecher zu dritt aufgestapelt auf der linken Seite, die Sojamilch in Zweier-Reihen auf der rechten Seite. Bei den pflanzlichen Brotaufstrichen kam er offensichtlich ins Schleudern. Mehrfach veränderte er die Reihenfolge, bis Riley bemerkte, dass er sie nach Helligkeitsabstufungen sortierte. Er schnaufte und verschränkte die Arme vor der Brust, während er das Schauspiel weiterhin amüsiert beobachtete.
»Wie viel bekommen Sie?«, wandte sich Nathanyel an Melvin, nachdem er dessen fertiges Werk kritisch begutachtet und hier und da kleine Veränderungen vorgenommen hatte. Melvin fuhr hastig mit seiner Hand in die Innentasche seiner Jacke.
Der Junge tat Riley beinahe leid. Er konnte nachvollziehen, dass Nathanyels unfreundliche Art und Gesamterscheinung mächtig einschüchternd auf solch halbwüchsige Jungs wirken musste. Hinzu kam der nicht ganz unwichtige Faktor, dass er fast zwei Köpfe größer war.
»65 Pfund, Sir«, sagte Melvin und hielt Nathanyel mit leichtem Zittern die Rechnung hin. Nathanyel riss sie ihm grob aus der Hand und seine hellen Augen huschten aufmerksam über die Zahlen. Unwillkürlich fragte sich Riley, ob er  wohl genauso schnell rechnete, wie er lesen konnte.
»Danke«, sagte Melvin leise, als Nathanyel aus dem Zimmer ging – vermutlich um das Geld zu holen.
»Kein Ding«, erwiderte Riley fröhlich.
Kurz darauf erschien Nathanyel mit seinem Portemonnaie in der Hand zurück. Die schwere Kette baumelte lose herunter. Er entnahm ihm zwei 50-Pfund-Noten und reichte sie Melvin. »Behalten Sie den Rest.«
Melvin machte große Augen. »Oh, danke Mister Pritchard.« Er kratzte sich verlegen am Hinterkopf und seine Cap rutschte ihm in die Stirn.
»Und nun gehen Sie.«
Reizend. Ein Rauswurf.
»Auf Wiedersehen, Mister Pritchard.« Melvin hob rasch seine Schuhe auf und wandte sich in Richtung Flur. »Sir?« Er nickte Riley kurz zu und verließ eilig die Küche.
Riley betrachtete Nathanyel, welcher sich eine Saftflasche aus dem Kühlschrank nahm und diese öffnete. »Tun die Leute immer das, was Sie von Ihnen verlangen?«
»Ja.«
»Egal was?«
»Ja.«
»Warum?«
Nathanyel setzte die Flasche ab und wischte sich mit dem Handrücken über den Mund. Seine unangenehmen Augen fixierten Riley kühl. »Weil sie dafür bezahlt werden.« Er lächelte blasiert. »Genauso, wie ich Sie bezahlt habe, und Sie sind hier, obwohl Sie es nicht wollten.«
Riley verzog das Gesicht.
Gut, dass du dir wenigstens darüber im Klaren bist.
»Was war das für eine Liste?«
Nathanyel hob die Augenbrauen. »Oh, ich habe auch eine für Sie.«
»Für mich?«
»Ja. Sie beinhaltet alle Regeln, nach denen Sie sich richten müssen, so lange Sie hier wohnen werden.« Er öffnete eine Schublade und entnahm ihr zwei ordentlich zusammengeheftete Blatt Papier. »Punkt III c. Zu Ihrer Information: Die Punkte sind nicht zu konferieren.« Er grinste spöttisch, als er Rileys fragendes Gesicht sah. »Sie sind nicht verhandelbar«, erklärte er herablassend.
Drück dich wie ein Normalsterblicher aus, dann brauchst du auch nichts zu erklären.
Skeptisch nahm Riley ihm die Blätter aus der Hand und begann zu lesen. Schon nach kurzer Zeit hatte er das Gefühl, dass sein Gesicht zu einer verschobenen Fratze erstarrt war.
Dort stand unter anderem, dass Nathanyel verlangte, dass die verschiedenen Grau-Nuancen der Essteller – wie auch die Aufstrichgläser im Kühlschrank, nach Helligkeitsabstufungen sortiert und entsprechend in den Küchenschrank eingeräumt wurden oder dass die Gläser im Schrank genau sechs Zentimeter von der Schrankkante entfernt stehen mussten. Ebenfalls war es immens wichtig, dass die Türen des Wohnzimmers und der Küche immer offen stehen mussten und nirgends etwas liegen gelassen werden durfte, was nicht von vorneherein dort gelegen hatte.
Ungläubig hob Riley den Blick. »Ist das ein Scherz?«, fragte er und ließ das Vorderblatt, welches er gerade mal zur Hälfte gelesen hatte, sinken.
Nathanyel stellte die leere Saftflasche auf Tisch und verschränkte die Arme mit einem missbilligenden Grinsen vor der Brust. »Nein, das ist mein voller Ernst. Halten Sie sich daran und wir werden gut miteinander auskommen. Halten Sie sich nicht daran und wir werden des Öfteren eine Unterredung führen müssen, welche Ihnen nicht gefallen wird.«
Mein Gott, was bist du für ein verrückter Vogel!
Riley starrte ihn an. Dann musste er lachen. »Soll ich jetzt etwa Angst bekommen? Haben Sie einen Schleudersitz in die Stühle integriert, der mich ins Jenseits befördert, wenn ich mich auf den Falschen setze?«
Nathanyel zog die Augenbrauen zusammen. »Ins Jenseits? Sind Sie … verrückt?«, fragte er misstrauisch.
»Wer … ich?«
»Ja.« Nathanyel beobachtete ihn wachsam.
Riley starrte zurück und je länger er dies tat, wurde er das unangenehme Gefühl nicht los, dass Nathanyel tatsächlich überlegte, ob er sich möglicherweise einen Verrückten ins Haus geholt hatte. Er runzelte die Stirn. »Warum darf ich mich nicht da hinsetzen, wo ich will?«
Nathanyel funkelte ihn angriffslustig an. »Weil ich auf bestimmten Plätzen sitze. Und zwar schon immer.«
Riley schüttelte den Kopf und legte mit einem zweifelnden Lächeln die Blätter auf den Tisch. »Ich weiß nicht, ob ich das alles so hinbekomme …«
»Glauben Sie mir, Sie werden es hinbekommen, sobald Sie die Konsequenzen kennenlernen«, unterbrach Nathanyel ihn schroff. »Ich gehe jetzt baden. Im Übrigen gehe ich immer um sieben Uhr morgens baden, wenn ich zuhause bin. Kommen Sie mir also nie in die Quere. Das wäre nicht gut. Sollten Sie sich was zu essen machen, räumen Sie anschließend die Küche auf.« Er deutete auf die Liste. »Nach diesen Regeln. Und lassen Sie die Finger von den rot markierten Lebensmitteln. Das sind meine und nicht für den Allgemeingebrauch bestimmt. Die Lebensmittel für diesen Zweck sind in den Farben grün und gelb markiert.«
Unfassbar.
»Gibt es hier auch eine Kaffeemaschine?« Flüchtig sah sich Riley in der Küche um.
»Nein, ich bevorzuge Tee.«
Riley zuckte grinsend mit den Achseln. »Nun, ich bevorzuge Kaffee.«
»Ich wiederhole, in diesem Haus gibt es keine Kaffeemaschine und ich ergänze, dass es in diesem Haus auch keine geben wird«, sagte Nathanyel eisig. »Das ist eine Order. Befolgen Sie sie. Fremde Geräte machen mich nervös. Und lassen Sie sich sagen, Sie wollen mich nicht nervös machen.«
Riley wandte sich ab und zog eine nachäffende Grimasse.
Du könntest auch mal ein wenig freundlicher sein, Pritchard.
»In einer Stunde kommt im Übrigen Lauren. Sie putzt hier jeden zweiten Tag. Lassen Sie sie rein.«
»Sie lassen jemanden Ihr Haus putzen? Ohne ihn anschließend umzubringen?«, fragte Riley spöttisch.
Nathanyel verengte kaum merklich die Augen und sah ihn an. »Ihre leichtfertige Einstellung, was das Töten von Individuen betrifft, gefällt mir nicht. Warum sollte ich Lauren töten?«, entgegnete er trocken und Riley wurde erneut von dem unwirklichen Gefühl ergriffen, dass Nathanyel seine ironische Frage offensichtlich ernst genommen hatte.
»Sie ist genauestens instruiert. Sie weiß, wie sie sich in meinem Haus zu verhalten hat. Wir hatten ein langes Gespräch darüber.« Nathanyel drehte sich um und verließ das Zimmer.
Trotzig schob Riley das Kinn vor.
Nun, wenn du keine Morde begehst, dann scheiße ich auf die Konsequenzen.


Auszug aus ›Der steinerne Garten‹.
© J. V. Reeves