Leseprobe II | Die Scherben seiner Seele Bd. 2


Jugendschutzhinweis: In diesem Buch werden fiktive erotische Phantasien geschildert. Im realen Leben dürfen Erotik und sexuelle Handlungen jeder Art ausschließlich zwischen gleichberechtigten Partnern im gegenseitigen Einvernehmen stattfinden. Der Inhalt dieses Buches ist für Personen unter 16 Jahren nicht geeignet.


Das Zimmer, welches ihm Amelia und Ethan überlassen hatten, hatte seine ursprüngliche Funktion als Gästezimmer längst eingebüßt, weil die wahllos hinein gestellten alten Möbel und das staubige Durcheinander von allerlei zur Seite geräumten Habseligkeiten, ihm nunmehr den Charakter eines Abstellraumes verliehen hatten. Doch es stand ein Bett drin und mehr brauchte Riley nicht. Er hielt sich ohnehin nur selten hier auf und wenn er es recht überlegte, hatte er bislang nur zwei Mal hier geschlafen. Möglich, dass sich seine Großeltern Gedanken über ihn machten. In den vergangenen elf Jahren hatte so gut wie kein Kontakt bestanden und nun war er vor einer Woche ohne ein Wort der Erklärung aus dem Nichts hier aufgetaucht und hatte seither nur selten ihre Gesellschaft gesucht. Andererseits kannten sie sein verstocktes introvertiertes Wesen seit jeher und vermutlich hatten sie schon in seiner Kindheit damit aufgehört, sich über ihn zu wundern.
Nun stand er an die Zarge des kleinen Fensters gelehnt, welches zu einem großen Teil von einem wuchtigen Schrank versperrt wurde und dem Tageslicht kaum ermöglichte, den kleinen Raum mit der niedrigen Decke vollständig zu erhellen. Unten im Hof spielte Timmy mit Ginger, doch Rileys Blick hatte sich bereits nach innen gekehrt. Seine rechte Hand umschloss fest sein Smartphone, wissend, dass er nur den Anruf der angezeigten Nummer aktivieren musste, aber seine Beklommenheit ließ ihn zögern. Was sollte er sagen, wenn es die richtige Nummer war? In welchem Zustand würde der Mann sein? Würden sie ihn mit ihm sprechen lassen? Würde er selbst überhaupt mit Riley sprechen wollen? Er sah auf das dunkle Display hinab und kaute auf seiner Unterlippe.
Mach den ersten Schritt. Sei nicht feige.
Doch wie stets war er genau das. Feige. Hilfesuchend glitt sein Blick zu seinem Bett hinüber und damit zu der dicken Matratze unter welcher er die Benzodiazepine versteckt hatte, die ihm halfen, seinen ruhelosen Geist zu bändigen. Er wollte schlafen. Die Tabletten nehmen und entfliehen. Vergessen. Nur für ein paar Stunden.
Aber du darfst nicht vergessen. Er darf nicht damit durchkommen.
Riley atmete tief aus. Nein, das durfte er nicht. Dieser Kerl hatte sich bereits zu lange in Sicherheit gewogen. Überall wo er gewütet hatte, hatte dieser Mann ein Trümmerfeld hinterlassen … er hatte ganze Leben zerstört.
Kurzerhand tippte er das Display an und hielt sich das Handy an sein Ohr. Es knackte unangenehm, als die Verbindung hergestellt wurde, dann hörte er das monotone Rufzeichen und mit jedem einzelnen Ton verspannte er sich mehr. Es war definitiv eine Verbindung in eine andere Welt. Eine Welt, die von Sehnsucht beherrscht wurde und ihm daher massive innere Schmerzen bereitete, weil sie unheilbar erschien. Es war eine Welt, die er eigentlich hinter sich hatte lassen wollen. Die ein Teil von ihm hinter sich lassen sollte. Weil sie dunkel war … und kalt … und es dort keine Luft zum Atmen gab. Aber er machte sich nichts mehr vor. Er konnte es einfach nicht. Die letzten Monate hatten es gezeigt: Sein Geist würde den gut schützenden Vorhang immer wieder beiseite ziehen und ihr trostloses zerstörtes Antlitz entblößen. Er würde diese Welt immer wieder betreten, auf der immerwährenden Suche nach ihm und doch die Angst im Nacken spüren, dass es irgendwann keinen Weg mehr zurück geben würde. Ja, irgendwann würde er in ihrer Dunkelheit ersticken, wenn er nicht ein helles Licht entzünden und ihr Luft einhauchen würde. Es war notwendig. Der letzte Funke Leben in ihr musste erhalten bleiben und zu einem Feuer entfacht werden, damit sie und die grauenhaften Dinge, die in ihr geschehen waren, das bewirken konnten, wozu sie jetzt nunmehr bestimmt waren.
Er muss bestraft werden. Er darf nicht davon kommen. Du tust das richtige.
Beim vierten Klingeln warf Riley einen nervösen Blick auf seine Armbanduhr. War er vielleicht zu früh dran? Es war möglich, dass das Büro noch gar nicht besetzt war. Wieder biss er sich auf die Unterlippe. Sein ohnehin schon kläglicher Mut schwand bereits.
Als er hinter sich ein leises Klopfen vernahm, riss er beinahe dankbar die Hand herunter und beendete den Anruf durch eine blinde flüchtige Bewegung.
Feigling.
Er schluckte.
»Riley? Darf ich reinkommen?«
Rachel. Zitternd holte er Luft und ließ sein Handy aus der verschwitzen Hand in seine Hosentasche gleiten. »Ja«, antwortete er heiser und räusperte sich.
Der Türknauf drehte sich und eine Sekunde später schob sich seine Schwester in den zugestellten Raum. Mit einem leicht belustigten Stirnrunzeln sah sie sich um. »Gemütlich hast du es hier«, spottete sie.
»Ja, es war das beste Zimmer in dieser Herberge. Ich habe meine Chance sogleich ergriffen, als ich hörte, dass es verfügbar war.«
Ein platter Scherz um seine Unsicherheit zu vertuschen. Rachel lächelte und die Erleichterung darüber, dass er die unangenehme Situation in der Küche hinter sich gelassen zu haben schien, war ihr deutlich anzumerken.
Du lässt dich wirklich leicht blenden, Ray.
»Gehen wir ein wenig raus? Und vertreten uns die Beine?«
Er zögerte. »Ich … ich wollte eigentlich duschen.«
Und mir die Reste von Sammys Sperma vom Körper waschen.
»Ach, das kannst du doch später auch noch machen.«
Riley seufzte innerlich. Er hatte bereits erwartet, dass sie auf ihn zukommen würde, aber vielleicht hatte er ja Glück und sie würden über belanglose Dinge sprechen. »Okay.« Er nickte und griff nach Nathanyels Jacke, um hineinzuschlüpfen. Dabei streifte er kurz Rachels Blick, welche das fremde Kleidungsstück still musterte. Ahnte sie, dass sie ihm gehört hatte? Nun, sie war nicht dumm.
Nacheinander stiegen sie die hölzerne rustikale Treppe in die untere Ebene des alten Cottages hinunter.
Timmy blickte auf, als sie ins Freie traten. »Dürfen Ginger und ich mitkommen?«
Riley bemerkte, wie Rachel zögerte. »Klar«, sagte er rasch und fühlte sich einmal mehr darin bestätigt, dass sie vermutlich ein ernsteres Gespräch mit ihm führen wollte, als sie vorgab. Timmy in der Nähe zu haben, konnte daher hilfreich sein. »Wie geht es Matt?«
Ein Windhauch erfasste sie, als sie den kleinen Berg erklommen hatten, welcher sie hinab zur Küste führte. Rachel schlug den Jackenkragen hoch und zog den Kopf ein. »Gut, er hat mit dem neuen Job nur immer noch wahnsinnig viel zu tun. Er kommt oft erst sehr spät nach Hause. Hat was von einem Alleinerziehungsauftrag, wenn du verstehst?« Sie deutete lächelnd zu Timmy, der ihnen mit Ginger vorauslief.
Riley schnaufte schmunzelnd. »Ja, verstehe. Wird Timmy sicherlich einige Türen öffnen.« Er beobachtete, wie sein Neffe einen Stock in die Hand nahm und ihn weit von sich warf, um Ginger zu animieren, diesem hinterherzurennen.
Hey Kumpel, laufe nicht zu weit von mir weg.
Rachel lachte. »Allerdings. Das Ausspielen funktioniert nun um einiges besser. Aber hey …« Zwinkernd wandte sie sich ihm zu. »Die Tage der Revolution sind gezählt.«
»Ob er das schon weiß?« Riley zog in gespieltem Bedauern die Augenbrauen hoch.
»Er wird es merken. Bald.« Sie griff nach ihm und hakte sich bei ihm unter. Nach kurzer Zeit erreichten sie den menschenleeren Sandstrand. Hier unten an der Küste blies der Wind um einiges rauer und Rachel schlang sich ihr Tuch fester um den Hals. Eine Weile gingen sie schweigend nebeneinander her, ließen den Sand mit jedem weiteren Schritt in ihre Schuhe rieseln, bis Rachel schließlich Rileys Arm drückte.
»Aber erzähl doch mal … wo hast du die Nacht verbracht?« Sie grinste.
»Ist doch egal«, brummte Riley und wandte das Gesicht zu Boden.
»Ach nun komm schon … endlich bekennst du dich dazu und diese Selbstverleugnung hat ein Ende.« Sie drückte erneut seinen Arm und zog ihn schmunzelnd an sich heran. »Du weißt, dass ich damit kein Problem habe. Also wer ist dieser Sammy, hm?«
Er konnte es nicht fassen. Zischend stieß er die Luft aus. Und noch ehe er darüber nachdachte, riss er sich von ihr los. »Ich bekenne mich zu gar nichts!«, fuhr er sie gereizt an. »Und zu deiner Information, er war nur ein weiterer Kerl, den ich gefickt habe! Das macht weder ihn zu jemand Besonderem, noch mich reif für irgendeine Schublade!«
Rachel blieb abrupt stehen. Sie war blass geworden.
Riley biss sich auf die Lippen.
Gut gemacht, Buchanan. Noch besser hättest du ihr deine seelische Verbitterung nicht präsentieren können.
Wie sooft bereute er umgehend seine heftige Reaktion. Der Jähzorn stand ihm in diesen Tagen wirklich gut zu Gesicht. »Entschuldige«, murmelte er. »Es hatte keine Bedeutung.«
Nichts davon hat Bedeutung, Nate. Nichts.
Wie sie dort stand, mit dem verräterischen Ausdruck deutlichen Schmerzes in ihren großen dunkelblauen Augen, konnte er nur schwer ertragen. Rachel durchschaute ihn immer schnell, aber wirklich begriffen was in ihm vorging, hatte sie selten … auch wenn sie es noch so sehr versucht hatte.
Wer will denn auch schon freiwillig in deine abgefuckte Seele eintauchen und auch nur eine Ahnung davon haben, wie es wirklich in dir aussieht?
Der beißende Spott seiner inneren Stimme schubste ihn gnadenlos in den Dreck seiner quälenden Gewissensbisse. Aufgewühlt schob er die Hände in die Jackentaschen, drehte sich um und betrachtete die Küste der in der Ferne liegenden Gezeiteninsel Inishmulclohy, ohne wirklich wahrzunehmen, was er sah. Ein paar wertvolle Minuten sprach keiner von ihnen ein Wort. Der Wind rauschte in seinen Ohren und wehte ihm die Haare in die zu schmalen Schlitzen verengten Augen, während er bewegungslos da stand. Er wollte nicht mehr reden, denken; sich noch nicht einmal mehr bewegen.
Nie mehr.
Er wollte, dass es aufhörte. Alles. Aber selbst dazu fehlt ihm offensichtlich der Mut. Seinem jämmerlichen Dasein endlich ein Ende zu setzen. Dabei wäre es so leicht … ein Sprung von den Klippen von Slieve League … und …
Es wäre vorbei.
Er presste die Kieferknochen aufeinander.
Aber es gibt eine offene Rechnung, Buchanan. Besser du nimmst endlich diesen verflixten Telefonanruf in Angriff.
Unwillkürlich peitschten bei diesem Gedanken Rachegelüste von einer solch immensen Stärke in ihm hoch, wie er sie früher nur selten verspürt hatte. Sein Blut begann seine Adern heiß zu durchfluten, als ein weiteres Mal an diesem Morgen das abstoßende teigige Gesicht Delwyn Pritchards vor seinem inneren Auge auftauchte; doch dann spürte er, wie seine Schwester hinter ihn trat und sein gesamter Körper wurde steif wie ein lebloses Brett.
Zaghaft schob sie ein weiteres Mal ihren Arm unter seinem hindurch und lehnte ihren Kopf gegen seine Schulter. »Du musst dich zu nichts bekennen. Es ist in Ordnung.«
Beim Klang ihrer liebevollen Stimme brach ihm fast das Herz. Er nickte, sagte aber nichts.
»Wann kommst du zurück?«, fragte sie ihn schließlich.
Kaum merklich sackte er in sich zusammen. Die Kraft, die ihm die Wut gerade eben noch verliehen hatte, verpuffte lächerlich schnell, ebenso rasch, wie sie von ihm Besitz ergriffen hatte. »Weiß ich nicht«, wich er ihr schwach aus. Er wandte ihr das Gesicht zu, doch sie schaute ihn nicht an. »Hast du das Rad verkauft?«
Sie schüttelte schweigend den Kopf und setzte sich wieder in Bewegung.
Über seiner Nasenwurzel bildete sich eine steile Falte. Misstrauisch schloss er zu ihr auf. »Warum nicht?«, fragte er nach. »Ich habe es dir geschrieben, als ich dich gebeten habe, es in Heathrow abzuholen.«
Wieder schüttelte sie den Kopf und er sah, wie sie die Lippen aufeinander presste. Es war ihr anzumerken, wie schwer es ihr fiel, ihm ihre Entscheidung zu erklären. »Ich habe die Hoffnung, dass du doch noch einmal zurück kommst«, sagte sie zögernd. »Und dann wirst du es sicherlich haben wollen.«
Riley schnaufte, doch seine höhnische Reaktion auf ihre Worte schien Rachel plötzlichen Aufwind zu geben. Sichtlich aufgewühlt trat sie einen Schritt beiseite und schenkte ihm einen verzweifelten Blick. »Wie lange willst du denn noch weglaufen, Riley? So wirst du es nie verarbeiten, das ist doch keine Lösung!«
Und schon sind wir beim eigentlichen Thema. Das ging schnell.
»Ich brauche nichts zu verarbeiten« log er, deutlich bemüht seinen Unmut wieder unter Kontrolle zu bekommen.
Ich muss nur etwas wieder in Ordnung bringen.
Seine Augen verdunkelten sich.
Soweit ich das noch kann.
»Das sehe ich anders«, schnappte Rachel. »Hast du dir Hilfe gesucht?«
Riley schob die Lippe vor und zuckte mit den Schultern. »Gewissermaßen.«
Auf dem üblichem Wege.
»Wie? Nimmst du wieder Drogen?«
Lass es, Ray.
»Riley, nimmst du wieder Drogen?«
»Nein«, antwortete er ihr zähneknirschend.
Nur so viel, wie ich muss, um ….
»Ich komme klar.« Er wollte, dass sie schwieg. Endlich schwieg.
»Wie kommst du denn klar? In dem du seit Monaten seine Jacke trägst und nicht erlaubst, dass sie gewaschen wird? Glaubst du, ich bin blind? Du musst endlich lernen loszulassen! All das bringt ihn weder zurück, noch macht es irgendetwas ungeschehen! Außerdem kanntest du ihn doch kaum!«
Riley blieb stehen und sah sie an. Ein Zucken glitt über sein junges Gesicht, während er vergeblich nach einem Gefühl des Widerstandes auf ihre barsche Reaktion suchte. Doch er fand es nicht. Denn Rachel hatte Recht. Er hatte Nathanyel kaum gekannt. Konnte er ihr daher wirklich vorwerfen, dass sie seine kopflose Flucht aus England nicht verstand? Ja, er war einem Trümmerhaufen entstiegen … aber war es wirklich sein Trümmerhaufen? Er spürte das Zucken in seinen Kiefermuskeln, während sein Gesicht ansonsten bar jeglicher Emotion blieb.
Rachel merkte ihm seinen inneren Kampf dennoch an. »Riley …«
»Nein.« Er fuhr herum und schüttelte ihr den Rücken zugewandt den Kopf.


Nicht lektorierte Vorschau aus ›Die Scherben seiner Seele Bd. 2
Fortsetzung von ›Der steinerne Garten Bd. 1
© J. V. Reeves